6. Fachtagung: 7./8. Nov. 2020

Ist das Kunst oder kann das weg? – Beratung als Kunst und Kunst in der Beratung

Es ist die spezifische Einmaligkeit jedes einzelnen Beratungsverlaufs, die arbeitsweltliche Beratung immer wieder als Kunst-Handwerk erscheinen lässt. Methoden, Verfahren und Interventionen lassen sich bestenfalls in der Theorie klar abgrenzen. In der Praxis dagegen sind wir BeraterInnen dann am besten gewappnet, wenn wir vor allem offen sind für das, was sich im Beratungs-Raum gerade zeigen will. Wenn wir Respekt vor dem Zufälligen haben. Wenn wir neugierig sind auf das nicht Steuerbare. Wenn wir Farben, Formen, Erzählungen und Klänge neu kombinieren und mischen. Kurz, wenn wir arbeiten wie KünstlerInnen. Unsere Beratung wird dann zum konkreten, vielfarbigen Raum, in dem wir gemeinsam mit unseren KlientInnen kreativ sind. Und wenn es gut läuft, entstehen „soziale Plastiken“ (Joseph Beuys) deren Wert für die Ratsuchenden auf einer Melange aus Nutzen, Respekt und Schönheit (Kurt Ludewig) gründet. Wie können wir dieses Kunst-Handwerk in Supervision, Coaching, Organisationsberatung und Mediation ausbauen? Wie können Geschichten, (Sprach-)Bilder, Szenen, Bewegungen, Choreographien, Improvisation neue Ebenen von Kontakt möglich machen und neue Impulse für Entwicklung setzen? Wie können wir aus einer Trias leiblicher, intellektueller und atmosphärischer Zugänge schöpfen?
Die Tagung will AnbieterInnen und NutzerInnen von Beratung einladen, gemeinsam diesen besonderen Raum von künstlerischem Schaffensprozess und Beratung in Arbeitskontexten und seine Möglichkeiten zu erkunden. Dabei geht es uns keineswegs darum, arbeitsweltliche Beratung pauschal als Kunst zu deklarieren. Es soll aber gefragt werden, in wie weit Prinzipien und Zugänge künstlerischer Produktion auch in der Beratung bereichernd sein können. Andererseits wollen wir nachvollziehen, wie künstlerische Qualitäten bereits heute in der Beratung fruchtbar sind. Beraterische Ansätze unterschiedlicher kunst-handwerklicher Färbung sollen vorgestellt, erfahrbar gemacht und hinsichtlich ihrer künstlerischen Ästhetik betrachtet werden.
Seien Sie herzlich eingeladen, im November 2020 nach Berlin zu kommen. Wir freuen uns auf Sie!

 

Alle Themen sind erstmal vorläufige Arbeitstitel!

Samstag

12.00 - Check-In

13.00 - 13.30 Einführung in das Thema (Plenum)

13.30 - 14.45 Vortrag: Die Kunst der Improvisation- nicht nur in der Kunst
Prof. Dr. Fritz Böhle, ISF-München/Universität Augsburg

14.45 - 15.30 Pause, Imbiss

15.30 - 18.30 Parallele Arbeitsgruppen

In den parallelen Einzelveranstaltungen der Tagung (je 6 am Samstag und 6 am Sonntag) bilden Impulsvorträge den Auftakt für einen intensiven Austausch der Teilnehmenden in kreativer Workshop-Atmosphäre (ca. 3 Std.)

AG 1: Bilder kreieren - Die Kunst, den dreidimensionalen Raum in Organisationen aufzuspannen, Prof. Dr. Susanne Maaß-Sagolla, Münster
AG 2: Die Kunst des Kontakts und der Intuition, Dr. Harald Pühl und Kathrin Thorun-Brennan, Berlin
AG 3: Räume von ruhigen Momenten in unruhigen Zeiten, Carla van Kaldenkerken/Roland Kunkel, Wendland
AG 4: Arbeitsbezogene Beratung als „Kunst“?  Licht und Schatten einer Metapher, Dr. Stefan Busse, Leipzig / Klaus Obermeyer, Hamburg
AG 5: Kooperation und Konkurrenz - Die Entwicklung neuer Perspektiven im Dialog, Antje Boijens, Frankfurt/M.
AG 6:
Global Art – Local View: ein Kunstlabor für interkulturelle Beratung, Susanne Giese, Augsburg

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ab 19.00 Buffet mit anschließender Party

Sonntag

09.30 - 10.45 Interaktiver Vortrag im Plenum: Form und Kreativität, Renate Ritter, Hamburg

11.00 - 14.00 Parallele Arbeitsgruppen (inklusive kleiner Imbiss)

AG 7: Der Kreislauf innerer und äußerer Bilder in Beratung, Mediation und Moderation, Michael Völker, Potsdam/Thomas Withöft, Berlin
AG 8: Wie in der Beratung Wirklichkeit konstruiert und wieder übermalt wird, Anna Malunat, Berlin
AG 9:Die verborgene Ästhetik des „bloßen“ Gesprächs: Professionalität ohne Technik? Prof. Dr. Anusheh Rafi, Berlin 
AG 10: "Warum Denken traurig macht?“ (G. Steiner) und die Kunst der Beratung, Dr. Marga Löwer-Hirsch, Düsseldorf/Berlin
AG 11: Grundlagen der Improvisation, Prof. Dr. Fritz Böhle, Augsburg
AG 12: Erfahrungen mit künstlerischen Interventionen in Organisationen, Prof. Ariane Antal, Berlin

14.15 - 15.00 Fragenzirkel und Verabschiedung (Helmut Hallier)

Tagungsort

Tagungsort Berlin: Verdi-Bildungszentrum, Koblanckstr. 10, 14109 Berlin

Kosten und Anmeldung

€ 240,-, Getränke, Mittagsimbiß und Abendbuffet incl. -


Übernachtung möglich: EZ €75,00, DZ €120,00, Frühstück incl.

 

Anmeldung über das Kontaktformular.

 

Sie erhalten dann von uns eine Teilnahmebestätigung mit den Zahlungsmodalitäten.

 

Stornierung: Bis 3 Wochen vor Beginn €100,00, danach fällt die volle Gebühr an.

Exposés zu den Vorträgen/Arbeitsgruppen

Vortrag Prof. Fritz Böhle: Die Kunst der Improvisation – nicht nur in der Kunst Fritz Böhle Im Beruf und in der Arbeitswelt ist ein neuer Umgang mit Ungewissheit notwendig. Bisher galt die Maxime, Unvorhersehbares und Ungewissheit weitmöglichst zu beseitigen. Bei Dienstleistungen führt dieser Umgang mit Ungewisshit jedoch zu dem paradoxen Ergebnis, dass Aktivitäten und Reaktionen von KundInnen, KlientInnen und PatientInnen nicht produktiv aufgenommen werden , sondern als Störung erscheinen ,die es zu vermeiden oder /und zu beseitigen gilt.. Abweichungen vom Plan oder/und der Verzicht auf Planung gelten allzu leicht als unprofessionell. Nur durch den Grundsatz „erst denken, dann handeln“ und ein planmäßig-rationales Handeln scheint es möglich, erfolgreich Ziele zu erreichen und Probleme zu lösen. Im Beruf und in der Arbeitswelt erfährt folglich auch die Improvisation keine besondere Wertschätzung. Es besteht die Auffassung, wer nicht ausreichend vorbereitet ist und nicht mehr weiter weiß, muss eben improvisieren. Improvisation steht hier für ein unsystematisches „Sich-Durchwursteln“ und erscheint als Schwäche und Defizit. Doch die Improvisation beinhaltete die Möglichkeit, auch bei und mit Ungewissheit und Unvorhersehbarem, erfolgreich Ziele und Ergebnisse zu erreichen. In der Kunst und speziell in der Musik wie dem Jazz hat die Improvisation eine hohe Wertschätzung. Zugleich zeigt sich hier, dass die Improvisation auf einem besonderen Wissen und Können sowie auch einer besonderen Systematik beruht. Von außen hat es oft den Anschein, als käme die Improvisation allein „aus dem Bauch“ und wäre nur das Ergebnis eines spontanen Einfalls. Dies ist jedoch ein Irrtum. In dem Vortrag wird mit einer musikalischen Demonstration am Piano dargelegt, in welcher Weise die Improvisation auf dem Zusammenspiel zwischen Planung und Offenheit beruht, und beides – die Planung wie die Offenheit – eine jeweils spezifische Systematik aufweisen. Die Systematik bei der Offenheit und bei dem Umgang mit Unvorhersehbaren wird mit dem Konzept des ‚Subjektivierenden Handelns‘ näher bestimmt : Ein situatives, dialogisch-interaktives Vorgehen verbunden mit einer spürend-empfindenden sinnlichen Wahrnehmung sowie assoziativ-bildhaftes Denken erweisen sich dabei als grundlegende Elemente der Improvisation . Das hierauf beruhende ‚subjektivierende Handeln‘ ermöglicht es bei und mit Ungewissheit erfolgreich Ziele zu erreichen und Probleme zu lösen. Anhand empirischer Untersuchungen wird die praktische Bedeutung des subjektivierenden Handelns und der hierauf beruhenden Kunst der Improvisation in unterschiedlichen Arbeitsbereichen – von der Produktion und technischer Entwicklungen bis hin zu Dienstleistungen, Medizin und Flugverkehr – illustriert und belegt.

AG 3: Anusheh Rafi: Im altgriechischen kann „technh“ sowohl „Kunst“ als auch „Wissenschaft“ bedeuten. Mit der Trennung beider Begriffe entstanden auch unterschiedliche Zuschreibungen: Kunst sollte ästhetisch und originell, Wissenschaft überprüfbar und falsifizierbar sein. Hinsichtlich der Beratung gibt es idealtypisch beide Tendenzen: Die Künstler unter ihnen sind originell, kreativ und brillant, werden aber ob ihres unorthodoxen und nicht erklärbaren oder falsifizierbaren Vorgehens kritisiert. Die Wissenschaftler hingegen überzeugen durch ihr klar begründbares und überprüfbares Vorgehen, wirken allerdings oftmals unflexibel und wenig inspirierend. In Ausbildungen erlebe ich häufig den Wunsch, den richtigen Weg gewiesen zu bekommen, weil sich noch keine professionelle Intuition entwickeln konnte. Wenn es einen richtigen Weg gibt, dann am ehesten in mathematisch orientierten Verfahren. Doch selbst beim Schachspiel kann man zwischen taktischem Denken und strategischem Denken unterscheiden, wobei das taktische Denken eher einem wissenschaftlich berechnenden Denken entspricht und das strategische Denken viel mit Stil, Intuition und der Einstellung auf den Mitspieler zu tun hat und damit eher künstlerisch wirkt. Anhand einiger prägnanter Beispiele aus der Psychologie eines so mathematisch wirkenden Spieles möchte ich darüber reflektieren, wie oft wir als Berater „Techniken“ einsetzen, nur um uns selbst Orientierung zu verschaffen und an welchen Stellen uns Techniken wirklich helfen. Ferner möchte ich darüber sprechen, wann wir uns darauf einlassen, ein „bloßes“ Gespräch zu führen – frei von Techniken und in einer direkten Einstellung auf unser Gegenüber. Ist ein solches Gespräch ein Wagnis, weil wir nicht wissen können, worauf wir uns einlassen? Ist es unprofessionell, weil es kein planbares Vorgehen darstellt? Inwieweit kann die Beratungserfahrung ein unorthodoxes Vorgehen kompensieren und es professionell bleiben lassen? Basiert eine gute Intuition nicht auf viel Erfahrungswissen?

AG 4:  Dr. Stefan Busse/Klaus Obermeyer:  Im Workshop soll der Frage nachgegangen werden, in welchen Aspekten die Metapher von der „Beratungskunst“ tragfähig und produktiv sein kann. Es soll aber auch gefragt werden, ob dieser Vergleich nicht doch an vielen Stellen hinkt und möglicherweise gegen den Strich gebürstet werden sollte. Künstlerisches Schaffen und Beratung sind zunächst unterschiedliche Praxisformen die nur in Ausschnitten etwas miteinander zu tun haben. Kritisch wird es, wenn mit dem Hinweis auf die Beratungskunst eine gewisse Aura vereinnahmt wird, die uns scheinbar von jedweder weiteren professionellen Legitimierung entlastet. So verstandene „Beratungskunst“ hat vielleicht viel mit improvisierter Kreativität zu tun oder ist besonders detailverliebt geplant und umgesetzt. Es küsst einen die Muse. Vielleicht kann man/frau eh nicht genau sagen, was man/frau eigentlich tut, aber irgendwie ist es genial und erheischt den Odem des Künstlerischen. Gleichzeitig ist der Vergleich von Kunst und Beratung nicht ganz von der Hand zu weisen. In Beratungsprozessen wird von Ratsuchenden und BeraterInnen ko-kreativ etwas Drittes produziert. In der Regel ein Text (Narrativ), gelegentlich auch Bilder, Skulpturen, Choreographien. Ob diese Beratungsergebnisse als hilfreich erlebt werden obliegt nun maßgeblich der Sichtweise der Ratsuchenden. Und da schließt sich nun der Kreis zum Volksmund „Kunst entsteht im Auge des Betrachters“ – „Beratungsergebnisse entstehen im Auge der Ratsuchenden“. Zudem kann Beratung von einigen Qualitäten zeitgenössischer künstlerischer Schaffensprozesse, von der Ästhetik, von einem gelassenen-neugierigen Verhältnis zum Zufälligen, von Qualitäten der Unschärfe und des Zögerns wichtige Anregungen erfahren und Spielräume gewinnen. Neben der hoffentlich kontroversen Diskussion der Kunstmetapher für die arbeitsbezogene Beratung sollen im Workshop Praxisbeispiele beraterischer Arbeitsprozesse auf deren künstlerische Aspekte und deren Grenzen und Potenziale untersucht werden.

AG 5 Antje Boijens: Die Schnelligkeit, mit der wir uns heute digital und real durch die Welt bewegen können, hat tiefgreifende Wirkungen auf unsere Wahrnehmung. Was prägt unser Bild der Realität, wenn alles flüchtig wird und ein Bild auf das andere folgt? Wie viel Raum bleibt in diesem Strom der Verschmelzung von äußeren mit inneren Bildern für unsere Reflexion und unser Denken? Was tun wir, wenn etwas nicht passt, widerständig ist, sich unterscheidet und anders ist, manchmal sogar ganz anders?
Die Fähigkeit, Unterschiede konstruktiv wahr- und aufzunehmen, hat jedenfalls ganz praktische Konsequenzen. Wirklich fruchtbare Kooperationen basieren auf einer gelungenen, neuartigen Verbindung wahrgenommener Unterschiede. Genauso ist es mit Innovationen: sie entstehen oft durch die Verdichtung von Widersprüchen, bis „der Knoten platzt“. Nicht nur die Kunst liefert hierfür ein Feld voller fruchtbarer Beispiele.
Generell hat in einer globalisierten Welt die eigene Kompetenz, konstruktiv und einfühlsam mit Unbekanntem, Fremden und Neuem umzugehen, fundamentale Auswirkungen auf persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Erfolg. Das gilt systemisch, auf der Ebene der Zusammenarbeit in Teams und Organisationen, aber auch individuell.
Hier setzt der Workshop„ Achtsamer Umgang mit Kooperation und Konkurrenz“ an. Nach einer Einführung in die Praxis achtsamer Wahrnehmung kreieren die Teilnehmer*innen im Medium digitaler Fotografie, ganz einfach mit ihrem Smartphone eigene Bilder. Deren Präsentation leitet einen weitgehend selbstgesteuerten Dialogprozess ein, der den Ausdruck subjektiver Wahrnehmungen und das Erforschen anderer Perspektiven gleichermaßen ermutigt. Geübt wird Verstehen ohne zu urteilen, selbstbewusster Umgang mit Subjektivität ohne zu dominieren oder zu verletzen.
Die Moderation begleitet diesen Prozess behutsam. Ziel: das ¬¬inspirierende Feld entstehen lassen, in dem die konstruktive Begegnung mit dem, was wirklich Anders ist, geschieht. Nicht die Methode steht im Vordergrund, sondern das gemeinsame achtsame Erkunden und was wir damit gemeinsam erreichen können, aber auch jede/r für sich persönlich.

AG 10 Prof. Dr. Fritz Böhle:  Im Workshop erhalten die TeilnehmerInnen die Möglichkeit mittels einfacher Musikinstrumente (Percussion) Grundlagen des Improvisierens selbst anzuwenden und zu erfahren. Im Mittelpunkt steht das Zusammenspiel zwischen der Planung und Festlegung einerseits und dem offenen, situativen Handeln nach den Prinzipien des subjektivierenden Handelns andreseits.

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