Grenzen der Ödipustheorie

An der Frage des Ödipuskomplexes kann man sich die Zähne ausbeißen wie die umfangreiche und widersprüchliche Literatur zum Thema zeigt. Ich selbst habe in meiner Arbeit "Angst in Gruppen und Institutionen" (1994) versucht nachzuweisen, daß Freuds Ödipustheorie aus phylogenetischer Sicht nicht haltbar ist. Und zwar in erster Linie deshalb, weil Freud seine als universell angesehene Ödipustheorie zu dem Zeitpunkt der kulturellen Evolution ansiedelt an dem sich bereits die große soziale Umwälzung vollzogen hatte. Verkürzt gesagt meine ich damit, daß wir davon ausgehen müssen, daß wir als Menschen stammesgeschichtlich gesehen erst dadurch lebens- und überlebensfähig waren, daß wir gruppenbezogene Fähigkeiten entwickeln konnten. So zeichnete sich unser psychischer Apparat - welch scheußliches Wort - jahrtausendelang durch ein Clan-Ich oder Clan-Gewissen aus. D.h. es gab im wesentlichen eine gruppenbezogene Orientierung oder Steuerung. Erst in der letzten Phase der kulturellen Evolution, der Seßhaftwerdung, einhergehend mit der Möglichkeit Besitz und Macht anzuhäufen, zu erhalten und zu vererben, differenzierten sich auch die Gemeinschaftsstrukturen zunehmend. In deren Folge mußte sich auch der psychische Apparat differenzieren. Dies können wir als die Geburtsstunde des individuellen Ich mit einem steuernden und orientierenden Über-Ich ansehen. Das Über-Ich mußte zudem ein strenges sein, da es dem Ich die nötige Potenz verleihen muß, sich abzugrenzen, denn ein verläßlicher gesellschaftlicher Konsens, auf den man sich identifikatorisch beziehen kann gibt es nicht. Erst in der Bande der familiaren Enge konnte sich m.E. das herausstellen, was wir heute als gesellschaftliches Problem sehen müssen: die Möglichkeit der Ersatzpartnerschaften. So läßt sich die Frage, ob es einen universellen Ödipuskomplex gibt, 1972 von Reimut Reiche im Kursbuch gestellt, beantworten. Es gibt ihn in sozial differenzierten Gesellschaften und somit auch bei uns.